Nachhaltigkeitszertifizierung Agrarrohstoffe

01.09.2017

Nachhaltigkeitszertifizierung von agrarischen Rohstof-fen und Verarbeitungsprodukten in Deutschland und der EU

Der Markt für zertifizierte nachhaltige Erzeugnisse wächst seit Bestehen der Nachhaltigkeitsverordnungen für Bioenergie und Biokraftstoffe in der EU kontinuierlich. In allen Verwendungsbereichen, d.h. auch in der Lebens- und Futtermittelwirtschaft und bei der stofflichen Nutzung, wird fortwährend in nachhaltige Lieferketten investiert. Die Unternehmen der im Grain Club vertretenen Verbände sind seit Beginn an diesem Prozess beteiligt und begrüßen das Ziel, den Anteil nachhaltig produzierter Rohstoffe und deren Verarbeitungsprodukte schrittweise auszubauen.

Nachhaltigkeitszertifizierung von Nahrungs- und Futtermitteln sowie für die stoffliche Nutzung und Chemie

In den letzten Jahren haben sich verschiedene freiwillige, privatwirtschaftlich organisierte Nachhaltigkeitszertifizierungen für Nahrungs- und Futtermittel und andere Verwendungen etabliert. Dabei setzt sich im Bereich Ernährung zusehends die globale „Sustainable Agricultural Initiative (SAI) (http://www.saiplatform.org) als Metastandard und Vergleichseinheit für Zertifizierungs- und Unternehmenssysteme durch; im Bereich der Futtermittel sind es die „FEFAC Sourcing Guidelines for Sustainable Soy“, die sich ihrerseits an den SAI-Vorgaben orientieren. Ein quantitativer Vergleich von Anforderungen der verschiedenen Zertifizierungssysteme kann durch das International Trade Center (gegründet von FAO und WTO) über das Online Tool Standards Map gewährleistet werden.

Beispiele für Nachhaltigkeitszertifizierungen Bioenergie und Biokraftstoffe

2009 wurde von der EU für den Sojaanbau in Lateinamerika festgelegt, dass für bioenergetische Zwecke (z. B. Biokraftstoffe) nur solche agrarischen Rohstoffe verwendet werden dürfen, die nachweislich nicht von geänderten Landnutzungen stammen. Diese Vorgaben wurden auf europäischer Ebene als Teil der Erneuerbare-Energien-Richtlinie und in Deutschland als Biokraftstoff-Nachhaltigkeits-Verordnung 2011/ Biomasse-Strom-Verordnung verabschiedet.

Seit 1. Januar 2015 gilt in Deutschland darüber hinaus für die Mineralölwirtschaft die Erfüllung einer Treibhausgas (THG)-Minderungsquote als Umsetzung der europäischen Kraftstoffqualitätsrichtlinie, die EU-weit erst 2020 verbindlich ist. Vorgesehen ist darin eine THG-Minderungsquote von 3,5 Prozent im Jahr 2015, die bis 2017 auf 4 Prozent und bis 2020 auf 6 Prozent steigt. Sie bezweckt eine Verringerung der THG-Emissionen von fossilen Kraftstoffen durch anteilige Verwendung von Biokraftstoffen (z. B. B7 und E10). Dies hat zur Folge, dass in Deutschland erzeugte Biokraftstoffe in ihrer THGMinderungsleistung im Schnitt mehr als 70 Prozent besser als vergleichbare fossile Kraftstoffe sind. Der nachhaltige Anbau der agrarischen Rohstoffe stellt den bedeutendsten Faktor in der THG-Minderungsbilanz der Biokraftstoffproduktion dar. Dieser wird, ebenso wie das THG-Minderungspotenzial, durch 19 von der EU-Kommission anerkannte und unabhängig kontrollierte Zertifizierungssysteme gewährleistet, wobei ISCC, 2BSvs und REDcert sowie verschiedene nationale Ansätze die wesentliche Rolle in der landwirtschaftlichen Praxis spielen. Mit der THG-Minderungsquote ist Deutschland insgesamt Vorreiter innerhalb der Europäischen Union.

Palm

Bei der Zertifizierung von nachhaltigem Palmöl sind bereits beeindruckende Erfolge im Hinblick auf die Marktdurchdringung vorzuweisen: Mehr als 2/3 des in Deutschland verwendeten Palmöls sind nachhaltig zertifiziert, wie aus einer Studie im Auftrag des Forum Nachhaltiges Palmöl (FONAP) hervorgeht: Die deutsche Wirtschaft setzt zunehmend nachhaltiges Palmöl ein. Von den 1,2 Millionen Tonnen Palmöl und Palmkernöl, die in Deutschland 2015 verwendet wurden, waren bereits 70 Prozent nachhaltig zertifiziert. Mehr als die Hälfte des Palmöls in Deutschland geht in den Energie- und Transportsektor und ist damit zu 100 Prozent nachhaltig zertifiziert. (Studie im Auftrag des Forums Nachhaltiges Palmöl (2015)) Für die Zertifizierung von Palmöl steht eine Reihe von Zertifizierungssystemen zur Verfügung, z. B. das Round Table on Sustainable Palm Oil (RSPO) und das International Sustainability and Carbon Certification System (ISCC). Inzwischen können auch EU-weite Erfolgsergebnisse belegt werden. Der Anteil des nachhaltig zertifizierten Palmöls der im europäischen Dachverband der ölsaatenverarbeitenden Industrie organisierten Raffinerien (FEDIOL) ist von 46 Prozent im Jahr 2014 auf bereits 60 Prozent in 2016 gestiegen; der Anteil des insbesondere für die stoffliche Nutzung verwendeten Palmkernöls stieg im selben Zeitraum von 32 auf 52 Prozent. Immer wichtiger wird neben der Nachhaltigkeitszertifizierung auch die Rückverfolgbarkeit von Palmöl. Im Jahr 2016 konnten 96 Prozent des Palmöls einschließlich der nachhaltig zertifizierten Mengen an ihren Ursprung zurückverfolgt werden.

Palmöl hat als Rohbestandteil in Futtermitteln nur eine geringe Bedeutung. Dennoch begrüßt der Grain Club den Einsatz von nachhaltig erzeugtem Palmöl. Der Anteil nachhaltig zertifizierten Palmöls wächst stetig. Zwangsläufige Preisunterschiede für den Mehraufwand durch entsprechende Zertifizierungen sind von allen Stakeholdern in der Futter- und Lebensmittelkette zu berücksichtigen. Eine Zertifizierung in der gesamten Futtermittelkette erfordert allerdings eine Umstellungszeit.

Soja

Die Unternehmen der im Grain Club zusammengeschlossenen Verbände legen großen Wert auf die Nachhaltigkeit von Sojaschrot. Bereits seit 2006 besteht das Soja-Moratorium. Mit diesem hat sich eine breite Allianz aus Regierung, Handel, Ölmühlen und NGOs verpflichtet, auf Soja von Flächen der Amazonasregion in Brasilien zu verzichten, die nach Juli 2008 urbar gemacht worden sind. Inzwischen greift eine neue Umweltgesetzgebung in Brasilien, auf deren Basis sich eine Reihe von Nachhaltigkeitsinitiativen entwickelt hat. Sie reichen von einem „Memorandum of Understanding“ verschiedener Sojaverbände bis hin zu bereits im Markt erfolgreich praktizierten firmeneigenen Systemen. Inzwischen hat der europäische Verband der Mischfutterhersteller (FEFAC) weitreichendere Bedingungen definiert und im Herbst 2015 Leitlinien für die nachhaltige globale Sojabeschaffung festgelegt, die vor ihrer Verabschiedung mit Vertretern der Warenkette bis zum Verbraucher und mit NGOs diskutiert und gemeinsam mit dem International Trade Center (ITC) festgelegt wurden. Damit werden umfassende Mindeststandards in Bezug auf die soziale und ökologische Verantwortung bei der Sojaproduktion eingeführt.

Die FEFAC-Leitlinien enthalten erforderliche und erwünschte Kriterien, in denen sechs Grundsätze vereint sind. Dies sind u. a. verantwortbare Arbeitsbedingungen, Umweltschutz und die Achtung der Landnutzungsrechte. Die „Leitlinien für die Sojabeschaffung“ dienen als Empfehlung und sollen dazu beitragen, einen breiten Markt für nachhaltig produziertes Soja zu entwickeln. Der Kauf von Soja nach den Leitlinien bietet der Warenkette im Gegensatz zu einzelnen Zertifizierungen  eine Möglichkeit, die kontinuierliche Entwicklung des Marktes hin zum ausschließenden Bezug von nachhaltigem Soja zu erleichtern und zu beschleunigen. Die europäische Mischfutterindustrie ist zuversichtlich, auf diesem Weg in kurzer Zeit große Mengen an nachhaltigem Sojaschrot in den Markt einführen zu können, sofern die Marktbeteiligten dies auch aktiv unterstützen.

Raps

50 bis 60 Prozent des in Europa verwendeten Rapsöls, das überwiegend aus europäischen Saaten stammt, geht heute in die Biodieselproduktion. Für die EU-28 gilt im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) die sogenannte „Cross-Compliance“-Regelung. Diese legt die Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitsstandards für die europäische Landwirtschaft fest. Nur auf Basis einer stringenten Einhaltung der Kriterien erhalten Landwirte Direktzahlungen über die Zweite Säule der GAP. Die Anrechenbarkeit des Rapsbiodiesels auf die europäischen THG- und Energiequoten sowie die deutsche THG-Quote erfolgt ausschließlich auf Basis der (nationalen) Nachhaltigkeitsverordnungen bzw. deren Anforderungskriterien, die weit über die „Cross Compliance“ Regelung hinausgehen (s. hierzu auch Seite 2).

Als Koppelprodukte der Rapsölproduktion entstehen eiweißhaltige Futtermittel im Verhältnis 40 Prozent Rapsöl zu 60 Prozent Rapsschrot, das als wichtiger Eiweißlieferant im Futtermittelsektor unentbehrlich ist.

Für andere Verwendungen als Bioenergie/Biokraftstoffe steht in Deutschland nach ISCC Plus inzwischen auch das System REDcert2 zur Nachhaltigkeitszertifizierung zur Verfügung. Neben der ölsaatenverarbeitenden Industrie macht derzeit insbesondere die Zuckerwirtschaft Gebrauch von dem System.

Allgemeine Feststellungen

Verschiedentlich werden vermeintliche Umwelt- oder Sozialkriterien vom Lebensmitteleinzelhandel zu Marketingzwecken definiert, die nicht objektiv nachvollziehbar sind oder keinen veritablen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten. Ein Beispiel sind hier Ansätze regionaler Rohstoffbeschaffung bzw. der Verweis auf kleine Transportwege, die nicht per se nachhaltig sein müssen und es zumindest im Sinne der Flächen- und Ressourceneffizienz nicht sind.

Tatsache ist, dass der Trend zur Nachhaltigkeitszertifizierung bis heute weitgehend auf Deutschland und die EU trotz guter Vorbildfunktion beschränkt bleibt und somit, global betrachtet, keine Lenkungswirkung entfacht, d. h. konkret: Landnutzungsänderungen lassen sich nicht von deutschen, nicht einmal europäischen Schreib- und Esstischen aus verhindern.

Der politische Wille, entsprechende Regelwerke einzuführen, muss in den Erzeugerländern selbst generiert werden. Internationale Vereinbarungen bieten sich an, dies zu flankieren. Hochrangige Politikdialoge auf bilateraler und multilateraler Ebene spielen hierbei eine wichtige Rolle ebenso wie die Entwicklungszusammenarbeit.

Hamburg, Bonn und Berlin, September 2017

Quellen und weiterführende Links:
http://www.iscc-system.org
http://www.redcert.org
https://ec.europa.eu/energy/en/topics/renewable-energy/biofuels/voluntar...
http://www.forumpalmoel.org
http://www.rspo.org
http://goodbadpalmoil.org/
http://www.fefac.eu/
http://www.intracen.org/
Weitere Informationen zu den Cross Compliance Regelungen finden Sie hier:
https://www.bmel.de/DE/Landwirtschaft/Foerderung-
Agrarsozialpolitik/_Texte/Cross-Compliance.html
www.fediol.eu

Kontakt Grain Club:
Geschäftsstelle
Pariser Platz 3, 10117 Berlin
Tel: 030 856 214-440, Fax: 030 856 214-522
E-Mail: info@grain-club.de
www.grain-club.de
Twitter: @GrainClub

Über den Grain Club
Der Grain Club ist eine Allianz von Verbänden der Lebens- und Futtermittelwirtschaft. Die Mitglieder des Grain Clubs repräsentieren die verschiedenen Stufen der Getreide-, Futtermittel- und Ölsaatenwirtschaft. In der Wertschöpfungskette der Agrar- und Ernährungswirtschaft sind die Mitgliedsunternehmen dieser Verbände in den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereichen Verarbeitung, Herstellung und Handel tätig. Zum Grain Club gehören: Bundesverband der Agrargewerblichen Wirtschaft e. V., Deutscher Raiffeisenverband e. V., Deutscher Verband des Großhandels mit Ölen, Fetten und Ölrohstoffen e. V., Deutscher Verband Tiernahrung e. V., OVID Verband der ölsaaten-verarbeitenden Industrie in Deutschland e. V. sowie der Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse e. V.

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