Neue Züchtungsmethoden

01.07.2018

Das anhaltende Wachstum der Weltbevölkerung, steigende Einkommen in Schwellenländern und daraus resultierende Änderungen der Verbrauchsgewohnheiten werden zusammen mit der fortschreitenden Urbanisierung laut FAO bis 2050 zu einem Anstieg der Nachfrage nach Nahrungsmitteln um etwa 60 Prozent führen. Um diese Nachfrage befriedigen zu können, muss die Agrarproduktion entsprechend steigen. Angesichts knapper werdender Ressourcen wie Boden und Wasser und sich verändernder klimatischer Bedingungen wird dies nur gelingen, wenn Innovation und technischer Fortschritt zielgerichtet genutzt werden.

Eine besondere Rolle kommt dabei dem Fortschritt in der Pflanzenzüchtung zu. Um Ernteausfälle zu minimieren, müssen Nutzpflanzen schnell und effizient widerstandsfähiger gegen Krankheiten und Schädlinge, aber auch gegen Hitze, Wassermangel und ausgelaugte Böden werden. Gleichzeitig müssen die Flächenerträge mit weniger Pflanzenschutz- und Düngemitteln gesteigert werden. Züchtungsfortschritt ist unabdingbarer Bestandteil der nachhaltigen Produktivitätssteigerungen der Agrarwirtschaft.

In den letzten Jahren haben sich in der Pflanzenzucht eine Reihe innovativer, präziser Züchtungsmethoden (Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL): Flyer und F&Q) entwickelt, die einen schnelleren und effizienteren Züchtungsfortschritt als die konventionellen Methoden erlauben. Die sogenannten „Neuen Züchtungsmethoden“ (New Breeding Techniques = NBT) wie Genome Editing (Genschere) bergen erhebli-ches Potenzial für eine produktivere und nachhaltigere Agrarwirtschaft.

Die EU-Kommission hat mehrere wissenschaftliche Gremien mit der Bewertung und Einordnung der NBT beauftragt. Eine Arbeitsgruppe der EU-Mitgliedstaaten (New Techniques Working Group, Final Report (2012)) und das Joint Research Centre (Joint Research Centre: New Plant Breeding Techniques. State-of-the-art and prospects for commercial development (2011)) kommen zu dem Schluss, dass die Mehrzahl der NBT nicht als GVO zu beurteilen ist, da sich die Pflanzen nicht von konventionell gezüchteten Pflanzen unterscheiden. Auch die national zuständige und beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) angesiedelte „Zentrale Kommission für die Biologische Si-cherheit“ (ZKBS) stützt diese Position (Neue Techniken für die Pflanzenzüchtung, Stellungnahme der Zentralen Kommission für die Biologische Sicherheit (2012)). Im Gegensatz zur Gentechnik nach bestehendem Recht werden bei den meisten NBT keine Gene zwischen Organismen übertragen. Es wer-den stattdessen Veränderungen innerhalb des Genoms eines Individuums erzeugt, wie sie auch auf natürlichem Wege oder mit Hilfe herkömmlicher Züchtungsmethoden entstehen könnten.

Die EU-Kommission schiebt die gentechnikrechtliche Einordnung der NBT seit Jahren vor sich her. Nach Auffassung des Grain Clubs muss Rechtssicherheit herbeigeführt werden, indem der Großteil der NBT den Ergebnissen der Expertengremien folgend nicht durch gen-technikrechtliche Genehmigungsauflagen erschwert oder gar unmöglich gemacht wird. Sollten die Ergebnisse der Expertengremien ignoriert werden, sind nachstehende negative Konsequenzen für den Agrarstandort Europa und für die in der Pflanzenzüchtung tätigen Unternehmen die Folge:

  • Kleine- und mittelständische Pflanzenzüchter können diese Methoden wegen des enormen Regulierungsaufwandes nicht nutzen und werden in ihrer Wettbewerbsfähigkeit stark eingeschränkt.
  • Die Zahl der innovativen Züchter in der EU nimmt ab. Dies verringert den Wettbewerb, führt zu weiterer Marktkonzentration und abnehmender Sortenvielfalt.
  • Unternehmen, Wissen und Innovationen wandern aufgrund unpraktikabler rechtlicher Rahmenbedingungen verstärkt in Nicht-EU-Länder ab.
  • Das Angebot von in der EU entwickelten und auf die hiesigen Anforderungen von EULandwirten, EU-Verarbeitern und EU-Verbrauchern zugeschnittenen Produkten wird eingeschränkt.

Zudem befürchtet der Grain Club erhebliche Probleme bei der Versorgung der Agrar- und Ernährungswirtschaft der EU mit Agrarrohstoffen. Die neuen Verfahren werden in den USA und in anderen Exportländern bereits kommerziell genutzt. Da die meisten Produkte aus den neuen Methoden analytisch nicht von anderen Produkten zu unterscheiden sind, wäre eine erhebliche Rechtsunsicherheit beim Import bzw. beim Inverkehrbringen in der EU die Folge. Dies würde zu enormen Handelsproblemen führen und die Versorgung der Ernährungswirtschaft mit notwendigen Importrohstoffen massiv gefährden.

Der Grain Club fordert die Politik auf, sich im Sinne einer innovativen, vielfältigen und damit wettbewerbsstarken Agrarwirtschaft für einen wissenschaftsbasierten Umgang mit der Präzisionszüchtung einzusetzen. Auf Basis des bestehenden Rechts muss zeitnah deren rechtssichere Anwendung in der Praxis gewährleistet werden.

Berlin, Bonn und Hamburg Juli 2018

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Über den Grain Club
Der Grain Club ist eine Allianz von Verbänden der Lebens- und Futtermittelwirtschaft. Die Mitglieder des Grain Clubs repräsentieren die verschiedenen Stufen der Getreide-, Futtermittel- und Ölsaatenwirtschaft. In der Wertschöpfungskette der Agrar- und Ernährungswirtschaft sind die Mitgliedsunternehmen dieser Verbände in den der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereichen Verarbeitung, Herstellung und Handel tätig. Zum Grain Club gehören: Bundesverband der Agrargewerblichen Wirtschaft e. V., Deutscher Raiffeisenverband e. V., Deutscher Verband des Großhandels mit Ölen, Fetten und Ölrohstoffen e. V., Deutscher Verband Tiernahrung e. V., OVID Verband der ölsaaten-verarbeitenden Industrie in Deutschland e. V. sowie der Verein der Getreidehändler der Hamburger Börse e. V.

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