Getreidehandelstag 2016

20. Getreidehandelstag: Trend zur Renationalisierung kann globalen Handel nicht stoppen

Im Zusammenwirken von Landwirtschaft, Handel und Verarbeitern leistet das moderne Agribusiness einen wichtigen Beitrag, die Ernährung der Menschen in Deutschland, Europa und in der Welt zu sichern. Angesichts zunehmender Weltbevölkerung ist eine Weiterentwicklung der modernen Landwirtschaft unabdingbar, um diesem Anspruch weiterhin gerecht zu werden, erklärte Konrad Weiterer, Präsident des Bundesverbandes der Agrargewerblichen Wirtschaft e.V., Berlin, auf dem 20. Getreidehandelstag Mitte der Woche auf Burg Warberg. Damit das auch so bleibt, muss die Wettbewerbsfähigkeit national und international erhalten bleiben. Dazu zählen vor allem auch sicher politische Rahmenbedingungen. Eine Renationalisierung, wie sie sich in der EU und global abzeichnet, sei zwar kontraproduktiv, könne aber den weltweit notwendigen Handel nicht aufhalten.

Den derzeitigen politischen Trend sieht auch der Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank, Volker Hellmeyer, als einen deutlichen Hemmschuh für die wirtschaftliche Entwicklung. „Eine Entglobalisierung schränkt das Wachstumspotenzial eindeutig ein“, erklärte er, „und die Fliehkräfte in der EU führen zu einer Belastung der Eurozone.“ Gleichwohl sieht er durch einen möglichen Brexit  auch eine Chance für die EU, durch Reformen wirtschaftlich weiter an Fahrt aufzunehmen. Überhaupt brauche sich die EU-Zone nicht zu verstecken, sieht er sie doch als – Zitat: „Powerhouse der Welt“. „Allein in Deutschland gibt es über 1.300 so genannte Hidden Champions –  das sind gesunde, mittelständische Unternehmen, die in ihrem Segment als Marktführer weltweit gelten.“ Die Euro-Zone sei besser als ihr Ruf und verdiene nachhaltige Solidarität, so sein Resümee.

Die Fachvorträge konzentrierten sich auf die Entwicklung internationaler und lokaler Getreidemärkte. Die globale Weizenversorgung dürfte in der Saison 2016/17 erneut mit einem Überhang abschließen und die Vermarktung wiederholt vor neue Herausforderungen stellen. Etwa die Hälfte der 19 Mio t Überschuss vermutet der Getreideanalyst Bernhard Chilla, Agravis AG, Hannover, zwar in der VR China: „Und ob die Menge dort wirklich lagert, ist nicht gesichert“. Doch die andere Hälfte hat sich in den klassischen Exportländern wie den USA und der EU aufgebaut. „Und das macht den Weizenhandel in der kommenden Saison nicht einfacher“, so der Experte. Chilla erwartet mit 731 Mio t die bisher zweitgrößte Weizenernte weltweit, bei einem Rekordverbrauch von 712 Mio t.

Trotz gut versorgter Weizenmärkte haben sich im vergangenen Jahr durchaus überraschende Entwicklungen ergeben. Auf Grund der vergleichsweise knappen Maisversorgung hätten Länder wie Thailand, Indonesien, Malaysia preiswürdigeren Weizen bevorzugt eingekauft. Davon profitierte v.a. die Ukraine, so Chilla, das rund 30% ihrer Weizenexporte im fast abgeschlossenen Wirtschaftsjahr  dorthin geliefert habe. Aber auch deutscher Weizen wurde nach Malaysia geliefert und französischer nach Vietnam. Mit diesen Warenströmen hätte niemand gerechnet, so der Experte weiter. Dieser Trend könnte durchaus anhalten. Nach vielen Jahren trete auch Indien wieder als Weizenimporteur am Weltmarkt auf. Eine von Dürre geplagte Weizenproduktion stoße dort auf eine zunehmende Nachfrage, die lediglich durch erhebliche Einfuhren gedeckt werden könne. Branchenkenner gehen von einem Bedarf in Höhe von zwei bis fünf Mio t allein 2016 aus.

In der EU ist in diesem Jahr mit einer erneut komfortablen Weizenproduktion von 25,4 Mio t auszugehen. Die feuchtwarme Witterung der letzten Wochen und damit ideale Bedingungen für den Pilzbefall befeuert im Handel jedoch die Diskussion um die Getreidequalitäten. Das betrifft auch den Braugersten-Handel, erklärte Sönke Weich, Geschäftsführer der Interbrau GmbH, Hamburg. Weich zufolge ist Deutschland Nettoimporteur von Braugetreide. Einer Nachfrage von rund zwei Mio t stehe eine hiesige Produktion von lediglich rund 1,3 Mio t gegenüber. Zu den wesentlichen Braugerstelieferanten gehören Frankreich, Großbritannien, Dänemark und Tschechien. Die Bedeutung Frankreichs als Versorger nimmt jedoch ab, so Weich, seitdem das Nachbarland  zusehends Gerste in die VR China liefert. Daneben wird aus Regionen Mittelfrankreichs verbreitet von Pilzbefall in den Getreidebeständen berichtet, wodurch die Belieferung deutscher Mälzereien mit französischer Ware in diesem Jahr nur eingeschränkt möglich sein dürfte.  Insgesamt sieht Weich durchaus gute Chancen für den Braugerstenanbau in Deutschland und verwies in diesem Zusammenhang auf die Notwendigkeit einer professionellen Lagerung durch den Agrarhandel. Der Braugersteanbau in Deutschland hatte sich in den letzten 20 Jahren auf nunmehr 295.000 ha nahezu halbiert. Hauptursachen waren unbefriedigende Erlöse, stagnierende Erträge und die starke Ausweitung des Silomaisanbaus infolge des Biogasbooms.

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